Geld-Schein: Die Problematiken des herrschenden Geldsystems
von Werner Kallenberger
Prof. Bernd Senf (www.berndsenf.de) referierte am 22. März über 2 Stunden in der Roten Fabrik vor rund 200 Interessierten aus den Organisationen von www.occupyzuerich.ch, www.inwo.ch, www.vollgeld.ch und www.ig-idea.info über Geldschöpfung, Schuldenkrisen, Spekulation und Zinseszins.
Bernd Senf, geb. 1944, lehrte von 1973 bis 2009 an der FH für Wirtschaft in Berlin Volkswirtschaft und publizierte u.a. folgende Bücher zum Referatsthema: Der Tanz um den Gewinn, Die blinden Flecken der Ökonomie, Der Nebel um das Geld (alle im Gauke Verlag für Sozialökonomie, Kiel). Seit 2009 referierte der Anhänger von Wilhelm Reich an einer Vielzahl von Orten v.a. vor einem nicht parteipolitisch organisierten, alternativen Publikum zu seinen Spezialthemen: Geld, Verschuldung, natürliche Umwelt, Orgontheorie, Bio-Energie und gesunde Ernährung.
Seinen frei gehaltenen Vortrag beginnt der asketische Referent, der regelmässig nur in einem kurzärmligen T-Shirt auftritt, mit dem textlich veränderten Lied “wo sind die Milliarden hin … wann wird man je verstehn?” Der rhetorisch gut verständliche und didaktisch mit laufend gezeichneten Erläuterungen versehene Vortrag kann in leicht veränderten Versionen unter seiner Website nachvollzogen werden. Wir Interessierte folgen seinen Ausführungen, mit wenigen Zwischenfragen, während 135 Minuten ohne Pause!
Im Folgenden beschränke ich mich auf einige Kernaussagen zur “vernebelten” Geldproblematik, welche durch sein “Aufklarungsarbeit” folgendermassen “geklärt” wird: Im Spätmittelalter beginnen sich die Märkte in Europa zu erweitern. Händler hinterlegen aus Sicherheitsgründen ihre Gewinne aus Gold- oder Metall (als Material oder Münzen) bei Goldschmieden bzw. Banken (B) und erhalten dafür in Papierform eine Quittung mit einem bestimmten Betrag (Note). Diese Geld-Noten können wieder in Gold oder Silber eingelöst werden oder zum Kauf anderer Waren verwertet werden. Je stärker das Vertrauen in die B ist, desto weniger Gold braucht diese zur weiteren Herausgabe von neuen Noten. Mit der Zeit werden diese Geldgeschäfte von den jeweiligen Fürsten kontrolliert bzw. mit einem Münzpräge-Monopol des Regenten belastet.
Später werden die neuen (regionalen) Geldwährungen nur noch als Anspruch auf eine (beschränkte) Goldherausgabe ver-standen, so dass die Bank z.B. nur noch 1/3 als Goldreserve behält und die andern 2/3 als “Überschussreserven” weiter nutzen bzw. verleihen kann. So entfernt sich die ursprüngliche Zettel/Noten – Gold – Beziehung immer stärker vom ursprünglichen Goldlieferanten. Korrekterweise müssten diese neu geschaffenen Vermögen einem Treuhänder übergeben werden, bleiben aber faktisch im Besitz der Bank. Das überschüssige Gold wird nun in Form von Geld-Kredit verliehen, wofür sich die Bank von den Schuldnern Sicherheiten verschreiben lässt. So entstehen Grundschulden, Zins- und Lohnabhängigkeit. Daraus folgt gesellschaftlich eine massenhafte Eigentumsverteilung zu Gunsten der Banken und riesige Abhängigkeiten der grossen Bevölkerungsmehrheit bis zur heutigen Zeit, wo in der reichen Schweiz 1% etwa gleichviel Vermögen versteuern wie die restlichen 99%.
Prof. Senf sieht in seiner Geld-Analyse zwei Hauptursachen für die riesigen Einkommens- und Vermögens-unterschiede.
1. Den Zins und Zinseszins, welche die Geldsituation vernebeln und zu einer immensen Verschuldung und/oder Inflation führen und
2. Die Geldschöpfung durch die Banken, welche durch ihre ungerechtfertigte private Aneignung dem Staat, der eigentlich auch historisch und verfassungsmässig die Geld-schöpfungsgewinne (Souvereinage) bekommen sollte, Milliarden abschöpfen.
Heute schöpfen (schaffen) die Zentralbanken ohne relevante Golddeckung, faktisch aus dem Nichts (fiat money) neues Geld in Milliarden-beträgen. Dieses Zentralbankgeld wird dann noch durch die x-fache Schuldgeld-Kredit-Schöpfung der Banken ins Billionenfache vergrössert. Man nennt dies die “multiple Kreditschöpfung” bzw. “fraktionales Reservesystem”.
Es entstehen so riesige Buchgeld- bzw. Giralgeldkonti, die weltweit etwa das 10-50-Fache der offiziellen Notenbankgeldmengen aus-machen und nirgends genau erfasst sind. Diese Geldsummen müssen zusätzlich verzinst werden und deren Schulden führen zu Zinseszinsen, welche mit der Zeit die ursprüngliche Schuld übersteigen. Gemäss der Zinseszinsformel Kn = Ko x ((p/100) +1)n (Kn = Kapital nach n Jahren ; Ko = Anfangskapital; p = Zinssatz; n = Jahre) verdoppelt sich die Vermögen im Schnitt alle 15 Jahre; umgekehrt verdoppeln sich auch die Schulden gleich exponentiell, so dass es offensichtlich wird, dass ohne Schuldenschnitt z.B. Länder wie Griechenland nie mehr aus dieser Schuldenspirale herauskommen. Im alten Israel galt deshalb die Regel, dass im 7. Jahr (Sabbat-Jahr) die Sklaven bzw. Zinsschulden erlassen wurden. Nach 7x7 Jahren sollte die ganze Schuld erlassen werden.
Schon vor über 2000 Jahren war somit bekannt, dass Zinsen und Zinseszinsen gesellschaftlich ins Verderben führen müssen. So galt auch im Christentum während über 1500 Jahren ein Zins-verbot, das heute offiziell auch noch für den Islam gilt, wogegen die Juden Zinsen verlangten und deshalb z.T. auch so reich bzw. verhasst wurden. Hohe Zinsen führen zu Inflation (Geldentwertung) und sehr hohe Zinsen zu einer Hyperinflation bzw. einem Staatsbankrott. So mussten in den letzten 2 Jahrhunderten viele Staaten oder Bundesstaaten ihre Zahlungsunfähigkeit (Insolvenz) erklären, was jeweils zu verheerenden Folgen führte. Völkerrechtlich gilt allerdings der allgemeine Rechtsgrundsatz “Geld hat man (Staat) zu haben”.
Faktisch sieht es aber völlig anders aus. Das deutsche, alternative Wissensforum 2011, an welchem auch Bernd Senf referierte, empfahl schon damals als alternative Lösungen:
- fliessendes (Schwund-)Geld,
- soziales Bodenrecht,
- bedingungsloses Grundeinkommen und
- Informationsfreiheit.
Ob dies zur Überwindung der permanenten kapitalistischen Strukturkrisen genügt, kann bezweifelt werden, sollte aber doch erst einmal erprobt werden, bevor unser heutiges Geld- und Eigentumssystem mit seinem Wachstumszwang die Natur und die grosse Mehrheit der Menschen “überwindet”. Dazu braucht es auch eine ideologische “Aufklarung”!
März 2012 , Werner Kallenberger
26. März 2012 um 12:06 Uhr
Würde gerne noch Audio oder Videoaufnahme einbinden, hat jemand was auf Youtube schon hochgeladen? Wer noch bei der Diskussion danach dabei war, wäre gut noch eine kleine Beschreibung bzw. Zusammenfassung beizufügen.
26. März 2012 um 19:14 Uhr
Orgontheorie?? WTF?????
“Beim Versuch, die (Orgon-)Strahlung der „Sandbione“ in einem Kasten aus Stahlblech (Faradayscher Käfig), der mit anorganischem Material (z.B. Steinwolle) umkleidet war, zu isolieren, beobachtete er, dass sich diese Orgonenergie darin akkumulierte, also von der atmosphärischen Umgebung „aufgesogen“ wurde. Dieser Kasten war der Prototyp des so genannten Orgonakkumulators, der später in verschiedenen Abmessungen und mit mehreren alternierenden Wandungen (Stahl/Steinwolle) gebaut wurde.” quelle Wikipedia
und so einem typen soll man glauben schenken???
27. März 2012 um 08:58 Uhr
hallo werner,
danke für den artikel. eine korrektur dazu betreffend der Zins(eszins)-formel. Eine Verdoppelung der Vermögen/Schuld findet bei einem Zinssatz (p) von 5% alle 15 Jahre statt.
Bei 2% dauerts zum Beispiel 35 Jahre. Aber es allgemein gilt: p > 0 = nicht gut.
zu renato, hallo erstmal.
orgontherapie…. wtf??? – ja.. hat dieser abschnitt direkt was mit benrd senf zu tun? ich glaube eher du hast den aus wiki über wilhelm reich, respektive orgonenergie gefunden. das sind also mindestens zweierlei personen und dinge.
nichts desto trotz sind gerade wilhelm reichs forschungen, sowohl in der psychoanalyse (er war ein schüler freuds) wie später dann auch in der krebs- und orgonforschung. Der Mann hat +-1927 die sexuelle revolution propagiert, wissenschaftlich fundiert die liebe der todbringenden auseinanderdividierenden (staats)wirtschaft entgegengestellt. 1931 ein buch veröffentlich, “massenpsychologie des faschismus”, lesenswert, für jedermann.
Man sollte bei WIlhelm Reich mit berücksichtigen, dass seine Bücher sowohl im 3. Reich wie auch später im amerikanischen Exil verboten wurden aufgrund ihrer, so vermute ich, Brisanz.
Bernd Send seinerseits ist lediglich einer, der die Arbeit Wilhelm Reichs als Mehrwert erachtet und sie deshalb selbstverständlich auch weitergibt.
Übrigens, sowohl die menschliche Verkrampfung wie auch die in unserem Wirtschaftssystem liegen nahe beieinander in der darin ursächlichen Problematik. hierzu ein Link eines von mir verfassten Gedankendingsda. (S. 1 bis 11)
http://www.scribd.com/doc/71459923/Besetze-Wissen-Komplett
gruss
florian
27. März 2012 um 12:10 Uhr
Grossartige Veranstaltung, macht weiter so!
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